Nähen für die Kleinen
Mein erstes „Projekt“ im neuen Kapitel ohne Gewerbe: eine Raglan-Kapuzenjacke aus Sweat, gefüttert mit einem Baumwolljersey und Druckknöpfen. Diese Jacke ist gut gelungen und sieht wirklich toll aus. Es macht mir großen Spaß, Stoffe und Schnitte auszusuchen und für die Kleinen, die es seit diesem Jahr in der Familie gibt, zu nähen. Allerdings geht mir auch beim Arbeiten an diesen Stücken viel durch den Kopf, was unsere Industrie-Welt und unser Konsumverhalten betrifft.
Ist „selbst genäht“ überhaupt gewollt?
Während ich in den letzten Tagen ein paar Kleidungsstücke für die Kleinen nähte, dachte ich mir: Warum stecke ich da eigentlich soviel Zeit rein, wo man Babykleidung mittlerweile billig sogar in Lebensmittel- oder Drogeriemärkten kaufen kann? Und wie lange passt so ein Jäckchen? Außerdem wähle ich die Stoffe aus und weiß nicht, ob die Eltern ihr Kind so kleiden möchten. Vielleicht gehe ich mit meiner Näh-Leidenschaft auf die Nerven, weil das „Design“ gar nicht optimal gefällt. Und manchmal sehen meine selbst genähten Stücke auch selbst genäht aus. Nicht immer glückt alles perfekt oder ich habe nicht alle Overlock-Garnfarben und an der Naht spitzt die falsche Farbe durch. Industrieware ist halt irgendwie „professioneller“ und „selbst gemacht“ ist in unserer Gesellschaft eher ein Makel an sich schon. Durch die Arbeitsteilung, auf der unser komplettes Wirtschaftssystem beruht, haben sich viele Denk- und Konsummuster entwickelt. Diese Muster werden nicht hinterfragt, obwohl es längst an der Zeit wäre, um „Nachhaltigkeit“ nicht nur zu einem schicken Zeitgeist-Wort zu machen, sondern ihr auch einen echten Sinn zu verleihen.
Hauptsache, ich habe alles mal ausprobiert
Für mich selbst geht es vor allem darum, alles mal auszuprobieren und dabei immer wieder was Neues zu lernen. Wenn ich dann weiß, dass ich das (auch) kann, ist´s im Grunde schon wieder gut. Ich denke, ich lenke meine Näh-Wut zukünftig in Projekte für mich selbst und nähe nur gelegentlich für die Kleinen.